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/// Lisa Steib »Agression.Blick.Gold.
— Zu drei Begriffen für Nadine Decker« [pdf]
/// Arbeitskonzept »Das Buch« [pdf]
/// Astrid Köhler »Was will ich damit
eigentlich sagen?« [pdf]
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Aggression. Blick. Gold.
Zu drei Begriffen für Nadine Decker
Lisa Steib
Aggression
»Jede wirklich neue Idee ist ja eine Aggression.«[1]
Meret Oppenheim
Aggressionen können grundlos sein und zugleich ihre Gründe haben.
Gängige Feindbilder in einem auf gemächliche Routine bedachten
Alltag sind unplanmäßige Lärmerzeuger – klassischer
Weise Rasenmäher und Kinder. Wer nebenbei und ziellos die nachbarliche
Ruhe stört, der wird mit dem Einsatz von Besenstielen oder dem der
Polizei gestraft. Derjenige, der sich angegriffen fühlt, tritt dabei
leicht selbst als hilflos wütender Aggressor auf. In ikonoklastischen
Attacken schreitet gerade der Kunstbetrachter gelegentlich und plötzlich
zur Tat.
Unausgesprochene Spannungen sind die quälende, langwierige Variante
der Aggression. So kann das Ideal der Selbstbeherrschung nach Erich Kästner
nicht zuletzt für Oberkellner zu beklemmenden Situationen führen:
›Ich habe eine Wut im Bauch, die passt nicht in die Weste.‹
Ihre produktive Kraft wird zumeist unterschätzt, doch besitzt die Aggression
nicht nur das Potential zu blinder Zerstörungswut. Neben Boxkämpfen
und Lachkrämpfen kann auch die Kunst eine befreiende Wirkung haben:
Niki de Saint-Phalle sucht und findet Anfang der 1960er Jahre Mittel und
Wege zur Selbstbefreiung durch aggressive Gesten. Sie greift zur Schusswaffe
und zielt auf ihre mit Farbbeuteln präparierten Bilder – 1961
lässt sie ihr Publikum schießen. Dieter Roth bleibt Ende der
1970er Jahre entspannt, erkennt die musikalische Qualität eines spanischen
Tierheims und lässt vierundzwanzig Stunden lang das Gekläffe,
Gebelle und Gejaule der vierbeinigen Insassen auf Tonband aufzeichnen [2].
Die Gelassenheit als Gegenpart der Aggression kann nie schaden und fehlt
doch oft.
Blick
»Wir sind der Blinde, das Auge ist der Hund, der uns führt.«
[3]
Denis Diderot
Unschuld, Verführung, Vieldeutigkeit oder Aufdringlichkeit finden in
ihm seinen Ausdruck. Wenn er töten könnte, wäre es ein gewagtes
Unterfangen, durch ihn Kontakt aufzunehmen, und starrt er, so macht er sich
verdächtig. Den eigenen Blick können wir schweifen lassen, denjenigen
der anderen müssen wir aushalten. Es sei denn wir nutzen den Vorteil
des Amateurdaseins, machen Texte zum Vergnügen und können dabei
»die Lust am Schreiben ohne die Sorge um das Bild genießen«
[4] , das wir von uns erzeugen. Will er andere überzeugen, so muss
der Blick wach und klar sein.
Mit der Erfindung der Photographie gewinnt der im Bild eingefangene Blick
eine neue Dimension: »Denn die PHOTOGRAPHIE hat diese Macht […],
mir direkt in die Augen zu sehen.« [5] 1865 fotografiert Alexander
Gardner den Attentäter Lewis Payne in der Todeszelle. Das Photo sei
schön, schön sei auch der junge Mann, schreibt Roland Barthes.
Das Bestechende, Erschreckende dabei sei die Gleichzeitigkeit. Denn die
»vollendete Vergangenheit der Pose« setzt den Tod nicht nur
in die Zukunft, sondern ins Bild und wir erschauern »vor einer Katastrophe,
die bereits stattgefunden hat.«[6]
Ungewollte Unschärfe im Bild, ob photographisch, plastisch oder sprachlich
entworfen, ist ausdruckslos wie ein apathisches, müdes Gesicht –
und Gähnen steckt bekanntlich an.
Gilbert K. Chesterton (1874-1936), der nicht nur wegen seiner Father-Brown-Erzählungen
Beachtung verdient, beobachtet in einer seiner im wahrsten Sinne phantastischen
Geschichten präzise die hastigen Besucher eines Schnellrestaurants
(»Sich in der Mußezeit zu beeilen ist die am wenigsten geschäftsmäßige
Übung, die man sich denken kann.«[7]). Unaufhörlich ist
ihr Blick mit einem Auge zur Seite gerichtet, »hypnotisiert vom riesigen
Auge der Uhr.«[8] Ein Einziger verhält sich gegenteilig, behandelt
alles mit einer an Nervosität grenzenden Sorgfalt, woraufhin er von
seinem Gegenüber angesprochen wird – mit blicktechnisch verstörender
Wirkung: »Wie ich zögernd aufsah, trafen sich unsere Blicke,
und der seine war von apokalyptischer Starre.«[9] Es folgt ein ver-
und entrücktes Plädoyer für die Aufmerksamkeit den alltäglichen,
als unbelebt ignorierten Dingen gegenüber, um diese nicht zu erzürnen,
im Speziellen die Strasse, die wir tagtäglich entlanggehen. Am Schluss
steht eine programmatische Geste der höflichen Wertschätzung,
deren Übertragung in die Realität absurd und wünschenswert
zugleich ist: »Und mit einer leichten Verneigung zum Senftopf hin
zog sich der Mann im Restaurant zurück.«[10]
Gold
»everything I touch turns into gold«[11]
Ben Vautier
Vor der Kunst machte es das Märchen möglich: aus Stroh wird Gold
gesponnen, vom Himmel fällt kein Niesel-, sondern Goldregen. Goldmarie
und Pechmarie stehen sich als gegensätzliche Figuren nicht nur in der
Märchenwelt gegenüber. Gerade in der Geschichte der Kunst spielt
Gold eine Rolle. Von einer maßlosen Verwendung im Glauben »Gold
verleihe einem Vorgang so etwas wie Erhabenheit«[12] rät schon
Leon Battista Alberti ab (De Pictura, 1435/36). Der geschickte Einsatz der
Farben, nicht die platte Verwendung von Gold ist für ihn bewundernswert,
die Technik – nicht das Material – die Kostbarkeit. Und eine
Anekdote über Zeuxis erkläre das Kunstwerk ohnehin zum unbezahlbaren
Objekt: der Maler sei dazu übergegangen, seine Werke zu verschenken,
da es unmöglich sei, einen angemessenen, irdischen Preis zu finden[13].
Hätte sich diese Sicht auf die Kunst etabliert, so könnte sich
heute niemand im hyperventilierenden Kunstmarkt eine goldene Nase verdienen.
Gilbert K. Chesterton machte sich wenig aus Gold allein: »Es mag,
soweit ich weiß, ein ganzer Piratenschatz dort unter der Erde liegen
– das interessiert mich nicht, denn ein Schatz ist reizlos ohne eine
Schatzinsel, zu der man hinsegeln kann.«[14]
Goldketten sind in ihrer Verniedlichungsform zum Klischee verkommen und
der hilflose Versuch der Schmuck- und Nippesindustrie den schimmernden Goldglanz
überzeugend zu imitieren, ist seit jeher zum Scheitern verurteilt.
Der massive Wert des Goldbarrens findet seinen zerbrechlichen Widerpart
im hauchdünnen, zum Bruchteil eines Millimeters ausgeschlagenen Blattgold,
an dessen Herstellungsprinzip sich seit vorchristlichen Zeiten wenig geändert
hat. [15]
Von der Goldwährung über den Goldenen Schnitt und die gleichnamige
Hochzeit bis hin zum »Original Danziger Goldwasser mit echtem Blattgold«
– meist charakterisiert es das Beständige und Besondere.
Goldrausch und Goldener Schuss sind die zwiespältigen beziehungsweise
endgültigen Varianten geschürter Hoffnungen. So bleibt das Wesen
des Goldes zwiespältig, angesiedelt zwischen Glück und Unglück,
wie Peter Bamm es treffsicher beschrieben hat: »Sehen sie sich das
kleine Stückchen hellen Glanzes genau an, und verfehlen sie nicht,
darüber nachzudenken, daß es noch immer glänzen wird, wenn
Sie schon lange, lange ausgeglänzt haben werden.«[15]
[1]„Rede Meret Oppenheims anlässlich der Übergabe des Kunstpreises
der Stadt Basel 1974, am 16. Januar 1975“, in: Die unheimliche Frau.
Weiblichkeit im Surrealismus, hrsg. von Angela Lampe, Ausst.-Kat. Kunsthalle
Bielefeld, Heidelberg 2001, S. 168-171, S. 170.
[2]Dieter Roth, Tibidabo-Hundezwinger 24 Stunden Gebell, 1977/78, vgl. Dieter
Roth. Originale, Dieter Roth Foundation, Hamburg 2002, S. 156f.
[3]Denis Diderot: „Elemente der Physiologie (1774-80)“, in:
Denis Diderot, Schriften zur Kunst, Berlin und Hamburg 2005, S. 25-29, S.
28.
[4]Roland Barthes, Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980, Frankfurt
a. M. 2002, S. 237f.
Roland Barthes, Die helle Kammer, Frankfurt a. M. 1985, S. 122.
[5]Ebd., S.106.
[6]Gilbert K. Chesterton, „Die Zornige Strasse: Ein schlimmer Traum“,
in: Gilbert K. Chesterton, Die Wildnis des häuslichen Lebens, Berlin
2006, S. 123-128, S. 124.
[7]Ebd.
[8]Ebd., S. 125.
[9]Ebd., S. 128.
[10]Vgl. Das Goldene Zeitalter. Die Geschichte des Goldes vom Mittelalter
bis zur Gegenwart, hrsg. von Tilman Osterwold, Ausst.-Kat. Württembergischer
Kunstverein Stuttgart, Ostfildern Ruit 1991, S. 480f.
[11]Leon Battista Alberti, Das Standbild. Die Malkunst. Grundlagen der Malerei,
hrsg. von Oskar Bätschmann, Darmstadt 2000, S. 291.
[12]Ebd., S. 237.
[13] Gilbert K. Chesterton, „Der Gärtner und die Goldmünze“,
in: Chesterton 2006 (wie Anm. 7), S. 107.
[14]Hans Kellner, Vergolden. Das Arbeiten mit Blattgold, München 1992,
S. 206.
[15]Peter Bamm, „Goldene Worte“, in: Peter Bamm, Die kleine
Weltlaterne (1953), Stuttgart 1975, S. 54-56, S. 56.
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